Auf zwei Routen von Bayreuth und Würzburg aus, haben Flüchtlinge am 20.8.2013 begonnen, für die Abschaffung von Flüchtlingslagern, der Residenzpflicht und für die Anerkennung ihrer Anträge, in Protestmärschen in Richtung München zu laufen. Dabei wird bewusst gegen die Residenzpflicht verstoßen. Sie wollen damit an den Protestmarsch nach Berlin vor einem Jahr und die Besetzung des Rindermarktes in München vor zwei Monaten anknüpfen. In einer ersten Erklärung bezeichnen sie sich erneut als Non Citizens, also Menschen, denen die elementarsten Rechte, welche allen Bürger_innen zustehen, vorenthalten werden. Damit liegen sie nicht falsch. Die bayerische Asylpolitik ist die bundesweit restriktivste. Dass sie dagegen in der Landeshauptstadt München kämpfen wollen ist so nur folgerichtig. Der Marsch wird von Beginn an immer wieder von der Polizei gestoppt, Leute werden verhaftet. Die Flüchtlinge lassen sich jedoch nicht davon einschüchtern. Unter refugeestruggle.org ist jeder Tag des Protestmarsches ausführlich dokumentiert.
Flüchtlinge im Landkreis Dachau
Auch im Landkreis Dachau ist das Thema immer wieder auf den Titelseiten der Lokalpresse. Ende Mai sind in Hebertshausen 12 Flüchtlinge in ein leer stehendes Altenheim gezogen, mittlerweile sind es 50. Das Dachauer Flüchtlingslager, die Holzbaracken an der Kufsteinerstraße, sind mit 150 Menschen überfüllt. Daher ist man ständig auf der Suche nach neuen „Unterbringungsmöglichkeiten“, wie das im Behördendeutsch heißt. Die Gemeinde Hebertshausen ihrerseits möchte aber nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen, da, so Bürgermeister Michael Kreitmeir (FW), sie sie nicht mehr „integrieren“ könne. So werden Ressentiments geschickt verbal umgangen. Kreitmeir erbat sich von anderen Gemeinden im Landkreis „Solidarität“.
Nun wurde am 27.8.2013 bekannt, dass in Markt Indersdorf 30 Flüchtlinge in eine derzeit nicht genutzte Tennishalle einziehen sollen (deren Eigentümer zufälligerweise die Gemeinde Hebersthausen ist). Turnhalle statt Holzbaracke. Hier kann man deutlich sehen, wie die öffentliche Debatte um Asylpolitik funktioniert, und was Politik und Bürger_innen darunter verstehen. Ist es denn ein Meilenstein, wenn Menschen in Hallen leben müssen? Für einen „Meilenstein“ sorgte die Stadt Dachau selbst. Sie hatte, nach einem Date des Dachauer Bürgermeisters Bürgel (CSU) beim Ministerpräsidenten, Ende Juli bei der Regierung von Oberbayern durchgesetzt, dass die Holzbaracken an der Kufsteinerstraße einem Gebäude mit „abschließbaren Wohneinheiten“, also Wohnungen wie sie jedem Menschen zur Verfügung stehen, weichen sollen (SZ Bayern 27.7.13). Für die Dachauer Politik, die sich jahrelang verweigert hat, die Lebensbedingungen der Flüchtlinge als menschenunwürdig zu bezeichnen, allen Ernstes ein Grund, sich öffentlichkeitswirksam auf die Schulter zu klopfen. Erst nach Protesten der Betroffenen selbst kam in Dachau ein wenig Bewegung in die Debatte. Es wurde sich des Themas nach und nach bemächtigt. Herausgekommen ist eine Soße aus bürgerlicher Betroffenheit und Nichtinfragestellen der herrschenden diskriminierenden und rassistischen Verhältnisse. Was natürlich nicht anders zu erwarten war. Hilfe bedeutet hier für viele zuallererst „Integration“, also eine Unterwerfung unter die gesellschaftlichen Verhältnisse. Eine egalitäre Forderung nach gleichen Rechten für alle Menschen kommt darin nicht vor.
Wen juckt es, wenn 20 Flüchtlinge eigentlich aus der Kufsteinerstraße ausziehen dürften, aber in Dachau keine bezahlbare Wohnung finden? Dass zudem eine erhebliche Anzahl von Vermieter_innen generell nicht bereit ist, eine Wohnung an Flüchtlinge zu vermieten? So bekommen sie ein Ultimatum, und ist dieses verstrichen, droht ihnen die Obdachlosigkeit bzw. ein Obdachlosenheim (SZ Dachau 14.8.13). In einem Kommentar der SZ Dachau vom 27.8. wird der Asylpolitik noch ein Armutszeugnis bescheinigt, sich aber trotzdem der gleichen Sprache bedient, wie sie sonst von reaktionären Boulevardmedien benutzt wird. Da ist die Rede von einem „Strom“ neuer Flüchtlinge in den Landkreis. Die Unterbringung in der Turnhalle in Indersdorf wird insofern kritisiert, weil Grundstückeigentümer_innen sich verweigern Räumlichkeiten zur Nutzung herzugeben. Im selben Atemzug wird aber die Unterbringung in einer Turnhalle als Signal bezeichnet, weil die Gemeinde Hebertshausen „die ganze Last“ nicht alleine tragen muss.
Menschen als Last, die wie Naturereignisse über uns hereinbrechen. Die sich nur „integrieren“ lassen, wenn sie möglichst wenige sind. Für die der Alltag Leben in Holzbaracken und Hallen bedeutet. Die zum Essen fertige Pakete bekommen. Die den Regierungsbezirk nicht verlassen dürfen. Das ist die Realität – in Dachau, in Bayern, in der BRD.
Dagegen zu kämpfen ist legitim und notwendig!
Es geht weiter
Grenzenlose Solidarität
KEIN MENSCH IST ILLEGAL
ALLES FÜR ALLE
Am Mittwoch, den 7.8.13, wurde das Gebäude in der Goethestraße 30 besetzt. Nach Zusagen des Besitzers und der Polizei auf Anzeigen zu verzichten, verließen die Besetzer_innen heute Mittag das Haus freiwillig.
Am Samstag den 22.06.13 wurde nach der Non Citizens Demonstration No Border No Nation der Rindermarkt besetzt. Aktuell befinden sich 55 Menschen im Hungerstreik.
Der
Der Operaismus ist eine Strömung des Marxismus, entstanden im Italien Anfang der 60er Jahre um die Zeitschrift Quaderni Rossi (Rote Hefte). Die Quaderni Rossi untersuchte die Zusammensetzung der Industriearbeiter_innenschaft, v.a. im Norden Italiens. Dabei stießen sie auf einen neuen Typ von Arbeiter_innen, die so genannten Massenarbeiter_innen. Das Nachfolgeprojekt Classe Operaia (Arbeiter_innenklasse) versuchte nun anhand dieser Untersuchungen in Fabrikkämpfe zu intervenieren. Anfangs belächelt um ihre radikale Ablehnung von Partei und Gewerkschaften und verachtet für ihre Ansicht, dass das Kapital auf die Arbeiter_innenkämpfe reagiert und nicht umgekehrt, stellte sich Ende der 60er Jahre heraus, dass die Operaist_innen die Entwicklung der italienischen Arbeiter_innenkämpfe richtig deuteten. Es entstanden in den Industriezentren, u.a. in Turin, Mailand und Porto Marghera, militante, selbstorganisierte Kämpfe der Massenarbeiter_innen, die nicht nur autonom von Gewerkschaften und Partei stattfanden, sondern sich auch noch gegen die Arbeit an sich wendeten. Die Arbeiter_innen wollten nicht ihre Arbeit besser entlohnt sehen, sondern sie kämpften für deren Abschaffung und die Zerstörung der Maschinerie, welche sie täglich unterdrückte.
