Covid-19 und kein Ende

Mal ehrlich, man kann es nicht mehr hören. Täglich steigende Infektionszahlen, Krankenhauskapazitäten mindestens am Anschlag und eine stabile Masse an Menschen von 14-15 Millionen, die sich einer Impfung gegen den tödlichen Virus verweigern. Ein Ministerpräsident, der allen Ernstes behauptet, die Wissenschaft habe nicht vor einer neuen Welle gewarnt, Diskussionen über Impfpflicht, Einführung von 3G am Arbeitsplatz. Der Staat will erneute Lockdowns umschiffen, weil das Kapital darauf besteht. Nein, es geht nicht um die gesundheitliche Unversehrtheit aller Menschen, weder im Privaten und schon gar nicht in der Arbeit. Es geht um Unversehrtheit der Mehrwertabschöpfung durch unsere Arbeitskraft. Ob große produzierende Industrie oder Kleingewerbe, das Rad muss rollen, ansonsten kann Kapitalismus nicht funktionieren. Deshalb ist es aus Kapitalsicht nur logisch, im Frühjahr 2020 die gesamte Produktion weiter laufen zu lassen, ohne Masken und ohne Abstände, sich im Frühjahr 2021 über die Kosten der verordneten Testpflicht zu beschweren und sie abzulehnen und uns im Herbst 2021 dazu zu verpflichten und sie zu befürworten. Ob geimpft oder nicht, ob Abstände, Tests oder keine, wird in den Chefetagen pragmatisch gehandhabt, solange alles weiter laufen kann wie bisher. Solange wir weiter laufen wie bisher.

Die „Systemrelevanten“ werden es schon richten im Krankenhaus, an der Kasse usw. und so fort. 4000 Intensivbetten gibt es seit Beginn der Pandemie weniger, weil die Kolleg*innen die Belastung durch die Arbeit einfach nicht mehr ertragen. Das Wort von der Triage wird in den Mund genommen, auch in Dachau (1). Keine gute Ausgangslage, wenn man bedenkt, dass die Beschäftigten des Dachauer Krankenhauses seit Jahren mit und gegen Personalmangel kämpfen. Dem gegenüber steht ein skrupelloser Klinikkonzern, dessen Führung dem Landkreis noch rotzfrech die eigene Arroganz vorführt (2).

Kleinbürgerliche Ellbogen

Von Gegenmacht von unten und Durchsetzung kollektiver Interessen ist nach eineinhalb Jahren in Deutschland wenig spürbar. Die Pandemie und die sie begleitende tödliche Komponente in den Griff zu kriegen, wird vom Staat als gemeinschaftliches Erfordernis verkauft, was aber gewisse Maßnahmen, wie das zur Kasse bitten des Kapitals, von vorn herein ausklammert. Darüber hinaus tritt immer mehr staatliche Planlosigkeit auf und von weiten Teilen der Gesellschaft wird das als persönlicher Angriff auf ihr Individuum wahrgenommen. Gemäß dem (neo)liberalen Zeitgeist, erwächst aus der oft zitierten Ellbogengesellschaft ein bornierter Chauvinismus, ein Egotrip, bei dem Rücksicht auf andere nicht vorkommt. Sei es, ob man durch eine Impfung oder auch nur durch das konsequente Tragen einer Maske andere, eventuell vulnerable Mitmenschen, vor einer Infektion schützt. Eben das trägt zum Überlaufen der Krankenhäuser bei. Natürlich sind es primär Kapital und Staat, die hier die Macht haben die Weichen zu stellen. Wer aber auf die „systemrelevanten“ Kolleg*innen scheißt, bewegt sich durch das eigene Verhalten im reaktionären Fahrwasser.

Was erleben Kolleg*innen an der Supermarktkasse täglich?

Eine aktuelle Auswahl: ein Maskenverweigerer in einem Supermarkt in Lütjenburg (Schleswig-Holstein) bricht am 16.11.21 einem Beschäftigten die Nase. Am 22.11.21 schlägt ein Rewe Kunde in München einen anderen Kunden, der einer Beschäftigten zur Hilfe kommt. Nur weil sie in beiden Fällen dazu aufgefordert wurden eine Maske zu tragen. Kolleg*innen werden beleidigt und bespuckt (3). Es steht und fällt grundsätzlich damit, ob Menschen es als wichtiger ansehen, dass man – wie so oft gehört – keinen Urlaub mehr planen könne und am Spaß haben gehindert werde, ohne wahrzunehmen bzw. es auszublenden, dass Menschen auf Intensivstationen krepieren. Sie beklagen sich, dass 2G im Kino oder dergleichen eine Zumutung sei, während Menschen mit ALG II quasi immer im Lockdown leben, weil sie sich eine Teilhabe an so genannten gesellschaftlichen Aktivitäten gar nicht leisten können. Freiheit wird als Freiheit begriffen individuell zu konsumieren. Aber so ist man sozialisiert im Kapitalismus, alle sind ihres Glückes Schmied. Kategorische Impfgegner*innen und das organisierte Spektrum der selbst ernannten „Rebellen“ sind ein Abbild dieser Gesellschaft, das fassungslos macht. Es gipfelt in Brandanschlägen auf Impfzentren und Teststationen (4). Die meisten Angriffe gab es übrigens in Sachsen und Bayern (5). Zugegebenermaßen ist das Ausmaß der in krudesten Verschwörungserzählungen dargestellten Irrationalität höher ausgeprägt als erwartet. Dennoch: sie sind eine logische Konsequenz aus einer gesellschaftlichen Schicht, die ihre privilegierte Stellung verteidigt. Die Sichtweise, dass ungleiche Verteilung das Problem ist, liegt ihnen somit natürlich fern.

Den Fokus nicht verlieren

Mit ihnen diskutieren ist zwecklos, aber es muss wieder eine gesellschaftliche Debatte darüber geführt werden, dass wir in einer Klassengesellschaft leben. Dass Kapitalismus eine Aufteilung in Besitzende und Nichtbesitzende, Chefs und Lohnarbeiter*innen, Reiche und working poor zu Grunde liegt. Dass der Staat diese Besitzverhältnisse zementiert. Armut ist kein Zufall und der chauvinistische Egotrip auch nicht. Also rein in den Diskurs, die praktische Realität liegt ums Eck. Ihr können wir mit Solidarität und gegenseitiger Hilfe begegnen. Gegen Ausbeutung von Menschen durch Menschen, selbstorganisiert ohne Staat, gegen radikalisierten Irrationalismus und reaktionären Geist. Für das Leben!

(1) https://www.merkur.de/lokales/dachau/dachau-ort28553/wir-sehen-die-wand-auf-die-wir-zufahren-91112963.html

https://www.sueddeutsche.de/muenchen/dachau/das-schweigen-des-klinikgeschaeftsfuehrers-heftige-kritik-am-amper-klinikum-1.5453907

(2) https://www.bw24.de/verbraucher/supermarkt-kaufland-kunden-mitarbeiter-maske-verweigerer-hygieneregeln-discounter-lidl-erfahrungen-facebook-91134062.html(3) Süddeutsche Zeitung 24.11.21

https://www.berliner-zeitung.de/news/brandenburg-maskenverweigerer-zerschlaegt-scheibe-im-supermarkt-li.192989

(4) https://www1.wdr.de/nachrichten/westfalen-lippe/brand-teststationen-ahaus-gronau-100.html

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/chemnitz/vogtland/corona-brandanschlag-impfzentrum-eich-polizei-100.html

https://www.n-tv.de/panorama/Brandanschlag-auf-Impfzentrum-veruebt-article22804938.html

(5) https://www.tagesschau.de/inland/angriffe-impfzentren-101.html